Neue EU-Alkoholstrategie

Neue Alkoholstrategie

Bier macht dick. Angesichts dieser epochalen Erkenntnis fordern EU-Parlamentarier jetzt eine Kalorienangabe auf der Bierflasche. Und da die cleveren Politiker zudem erkannt haben, dass Alkohol zwar für viele Europäer ein Grundnahrungsmittel, aber letztlich doch kein Lebensmittel ist, sollen auf dem Etikett zusätzlich Warnhinweise für Autofahrer und Schwangere angebracht werden. 


Europa trinkt doppelt so viel wie der Rest der Welt. Jetzt fordert das Europäische Parlament die EU-Kommission in Brüssel auf, spätestens im nächsten Jahr Pläne zu einer neuen Alkoholstrategie vorzulegen. Auf der Wunschliste stehen neben einheitlichen Kennzeichnungsregelungen zur Bekämpfung von Alkohol am Steuer und in der Schwangerschaft auch noch zu definierende Maßnahmen zur Reduzierung des Alkoholkonsums Minderjähriger. Weiter auf der Agenda: Gesetzlich vorgeschriebene Mindestpreise für Alkohol und Werbebeschränkungen.

 

Ziel der neuen EU-Strategie soll sein, den Alkoholkonsum einzuschränken und den Missbrauch stärker zu bekämpfen. So löblich das Ziel ist, so fraglich ist der Erfolg von Etiketten auf Flaschen und Dosen. Auch eine gesetzlich verankerte Reduzierung der Alkohol-Werbung oder der Versuch, den Verkauf sehr günstigen Alkohols zu unterbinden, wird nicht helfen. Dazu bedarf es eher eines Umdenken in der Gesellschaft.

 

 

Kennzeichnung von Kalorien und Inhaltsstoffen

 

Wer glaubt, man müsse mit Etiketten auf Flaschen und Dosen darauf hinweisen, dass Alkohol am Steuer und während der Schwangerschaft Gift und im Übrigen ein gefährlicher Dickmacher ist, verwechselt Aufklärung mit Aktionismus.

 

Klar – der Verbraucher sollte über die Wahrheit im Grauburgunder aufgeklärt werden. Er hat auch das Recht zu wissen, dass ein gut gezapftes Pils nur halb so viel Kalorien enthält wie ein fettarmer Fruchtjoghurt und dass Trinken während der Schwangerschaft dem Baby schadet.

 

Alleine das Anbringen von Warnhinweisen auf Flaschen und Dosen bringt wenig bis gar nichts. Kein Mensch wird durch die Kalorienangaben weniger trinken und abnehmen. Selbst für kalorienbewusste Freunde des Longdrinks ist die Angabe des Alkoholgehalt und der Inhaltsstoffe gesundheitlich bedeutsamer.

 

Dass Alkohol am Steuer nicht nur gefährlich sondern auch strafbar ist, lernt jeder Autofahrer schon in der Fahrschule. Sinnvoller erscheint da schon die Forderung nach einem Warnhinweis für Schwangere, den es in einigen europäischen Ländern ohnehin schon gibt.

 

 

Eingeschränkte Werbung

 

Die Forderung nach Einschränkungen bis hin zum Verbot für Alkohol-Werbung sind nicht neu. Das könne, so einige Experten, wie beim Verbot von Tabakwerbung ein erster Schritt zur Einschränkung des Alkoholkonsums sein. Dabei übersehen die Befürworter leider, dass Alkohol in keiner Weise mit Tabak zu vergleichen ist. Und dass ein Alkoholkonsum in Maßen nicht zwangsläufig im Gegensatz zu einer gesunden Lebensführung stehen muss

 

Keine Frage: Weniger Werbung würde sicher dafür sorgen, dass wir mit weniger positiven Assoziationen zum Alkohol gefüttert werden. Aber es würde das Problem nicht lösen. Genau so wenig wie ein totales Werbeverbot für Alkoholika. Beides könnte im besten Falle dazu beitragen, die Gesellschaft – und damit auch die Jugendlichen unter uns – ein wenig zum Umdenken zu bewegen. Nur alleine reicht das auch nicht.

 

 

Schutz junger Verbraucher

 

So unterschiedlich die Gründe für den Griff zur Flasche sind, so unterschiedlich sind auch die daraus entstehenden Probleme. Unterschiedlich sind auch die Vorschriften in Europa zum Mindestalter für den Alkoholkonsum. Daran wird sich auch nichts ändern. Gut so. Denn eine einheitliche Altersgrenze – egal ob Alkohol ab 16, 18 oder 21 – würde auch kein Problem lösen. Hier sind Aufklärung und Erziehung gefragt.

 

Um Jugendliche vor den Gefahren des Alkohol zu schützen, sind Verbote wenig hilfreich. Im Gegenteil: Unabhängig davon, dass ein Verbot keinen Jugendlichen davon abhalten kann, zur legalen Droge Alkohol zu greifen, verbreiten Verbote immer den Geruch von Bevormundung. Und wer glaubt, mit einem Alkoholverbot etwas erreichen zu können, belügt sich selber und betreibt Augenwischerei.

 

Das gilt auch für den Verkauf von Alkohol an Jugendliche. Ein Verkaufsverbot bringt erfahrungsgemäß rein gar nichts – egal ob es sich um Bier oder Wodka handelt. So wie jeder 15-Jährige einen 16-Jährigen kennt, der Bier kaufen darf, so kennt jeder 17-Jährige einen 18-Jährigen, der Hochprozentiges besorgen kann. Junge Leute sind geübt darin, sich über Umwege zu beschaffen, was sie wollen. Der Reiz des Verbotenen ist da nur noch ein zusätzlicher Ansporn.

 

 

Höhere Preise für Bier und Schnaps

 

Tatsache ist, dass in Europa die Weltmeister im Trinken zu Hause sind – in Deutschland ebenso wie im Rest der EU. Daran hat sich in den vergangenen zehn Jahren nichts geändert. Und daran wird sich wahrscheinlich auch in den nächsten zehn Jahren wenig ändern.

 

Natürlich sieht auch hier niemand gerne, wenn sich Menschen bis zur Bewusstlosigkeit voll laufen lassen – erst recht nicht, wenn es sich um Kinder oder Jugendliche handelt. Das schreit sogar in einer Gesellschaft, in der alle saufen, aber keiner es gewesen sein will, nach Gegenmaßnahmen. Supermarkt-Regale oder Tankstellen leerzuräumen und den Verkauf von Alkoholika nur noch in staatlich lizenzierten Läden zu erlauben, wird genau so wenig nützen wie der Versuch nächtlicher Alkohol-Verkaufsverbote.

 

Sinnvoller ist sicher, es über den Preis zu versuchen. Preiserhöhungen zeigen immer Wirkung – nicht nur bei Jugendlichen. Höhere Preise könnten auch bei so manchem Erwachsenen das Bewusstsein dafür schärfen, dass Bier und Schnaps Genussmittel und keine Grundnahrungs- oder Betäubungsmittel sein sollten.

 

 

Eigenverantwortung gegen Missbrauch

 

Dass schärfere Regeln, Gefahrenhinweise und Kalorienangaben tatsächlich zu weniger Alkoholkonsum beitragen, darf zu Recht bezweifelt werden. Um Jugendliche wie Erwachsene wirklich zum Umdenken zu bewegen, bedarf es mehr. Mehr nüchterne und sachliche Information, mehr aktive und gezielte Aufklärung und vor allem eine grundlegenden Änderung der Einstellung unserer Gesellschaft zum Alkohol.

 

"Obwohl mittlerweile jedem bekannt sein dürfte, dass Alkohol krank und süchtig machen kann, werden die Gefahren des Alkoholkonsums in unserer Gesellschaft zum großen Teil immer noch verleugnet oder verdrängt“, weiß Alkohol-Coach und Buchautor Rolf von Berg. Den Alkohol zu verteufeln oder zu verbieten, wäre aber genau so falsch und zudem weder nötig noch wünschenswert. „Wenn wir Kinder und Jugendliche vor den Gefahren des Alkohol schützen wollen, müssen wir ihnen mit gutem Beispiel vorangehen. Wir müssen ihnen den bewussten und verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol vorleben, statt Wasser zu predigen und Wein zu trinken.“


Es ist einfacher, ein Problem zu lösen, als mit ihm zu leben.